Hier finden Sie alle im Laufe des letzten Wettbewerbs eingereichten Biografie-Skizzen.

Biografie-Wettbewerb 2009/2010

Person, Nachname Fischer
Person, Vorname Paul
Alter 53
Berufliche oder sonstige Tätigkeit(en) Fachkraft für Kieferorthopädie
Geboren in München
Aufgewachsen in München
Ausbildung, Berufseinstieg in München
Weitere Stationen 1950-1960
1956 Geburtstag
1960-1970
1962 Schulanfang
1970-1980
1970 Realschule bis
1974 Arbeitsbeginn im Labor für KfO
1977 Heirat
1980-1990
1984 Geburt Sohn
1988 Geburt Tochter
1990-2000
1991 Umzug nach Mfr
1999 Erster Schritt auf dem Weg zum Mann

2000-2010
2004 Gesamtouting
2006 erste GA OP
2007 Übernahme der Selbsthilfegruppe
2008 Weitere OP´s
2009 Weitere OP s
2009 Referate zum Thema
" Ende der Beziehung
" Arbeit trotz OP´s
Biografie-Skizze Die Geschichte meines Lebens
Kapitel 1 Kindheit und Jugend
Angefangen hat mein Leben am Sonntag, den 15. Januar 1956 um 6:35 Uhr im Rotkreuzkrankenhaus in München. Es war ein eiskalter klarer Tag. Die Geburt verlief komplikationslos. Ich war 53 Zentimeter groß, wog 3400 g und der Kopfumfang maß 34 Zentimeter. Meine Mutter war selbst fast noch ein Kind mit 19 Jahren. Dünn und groß und alleine von ihrer Mutter aufgezogen, da ihr Vater 1939 an Lungenembolie gestorben ist. Sie war gerade mal 2 ½ Jahre alt. So hatte meine Großmutter, ihre Mutter alleinige Erziehungsgewalt und das prägt. Ich denke, auch der zweite Weltkrieg hat dazu beigetragen. Aber nicht in dem Maße, dass körperlicher und materieller Schaden aufgetaucht wäre. Meine Mutter schwärmt immer von ihrer schönen und unbeschwerten Kindheit.
Wir wohnten in einer kleinen Zweizimmerwohnung, an die ich mich noch gut erinnern kann. Die Toilette war eine Gemeinschaftstoilette für vier Parteien und gewaschen hat man sich in Wannen. Das Wasser dafür wurde in der Küche heißgemacht. Dort dominierte der Kohleherd. Die Wäsche wurde in der Waschküche über den Hof gewaschen. Schlafen mussten wir zu viert in einem Zimmer. Intimsphäre gab es überhaupt keine. Omi führte das Regiment, bestimmte, was wann gegessen wurde und wie viel Geld ausgegeben werden durfte, damals war man übrigens sehr sparsam.
Da ich von Geburt an eine Krankheit mitbekommen habe, hatte ich es schwerer wie andere Kinder. Laut Kinderärztin durfte ich kein Schweinefleisch essen, nicht zu viele Eier und keine Schokolade. Das alles rührte daher, dass meine Bauchspeicheldrüse den Blutzucker zu rasch im Urin abführte und in meinem Körper Zuckermangel entstand. Oft musste ich Speien bis zur Galle und ich wurde mit Cola, in dem viel Zucker verrührt war, dass der Löffel steckte, hochgepäppelt. Zweimal gingen meine Eltern mit mir auf Walfahrt nach Altötting, da ich dem Sensenmann grade noch Ade gesagt hatte. Omi und ich besuchten meine Mutter oft im Frisiersalon und da renommierte sie mit mir, was ich für ein süßes Mädchen sei und schon so groß für mein Alter.
Allerdings hat mich mehr meine Großmutter aufgezogen und bemuttert. Meine Mutter hatte eine abgeschlossene Ausbildung als Friseuse. Sie stand von Früh bis Spät im Laden und kam abends erschöpft nach Hause. Da war sie froh, dass sie die Kindererziehung nicht auch noch machen musste. Dafür blieb der Sonntag. Omi hatte auch bestimmt, dass meine Mutter den Mann heiratet, den sie ausgesucht hatte und nicht den Kindsvater. So war ich bis zu meinem ersten Lebensjahr ein lediges Kind. Das muss man sich zur damaligen Zeit vorstellen. So nahm mich der Ehemann von Mama, an Kindes statt an und adoptierte mich. Das erfuhr ich erst kurz vor meiner Hochzeit. Ich kenne keinen anderen Vater und dieser ist und bleibt mein Vater.
Die drei Generationen unter einem Dach brachten meinen Adoptivvater den Alkohol nahe, da viele Unstimmigkeiten und Streitereien daraus hervorgingen. Omi bestand immer auf ihr Recht und war auch sehr rechthaberisch. Alles musste nach ihrer Pfeife tanzen. Mein Vater gab fast immer nach, griff immer öfters zum Bier am Stammtisch, kam alkoholisiert nach Hause und da machte ich einige unschöne Erfahrungen. Aber der Reihe nach.
Die Zeit im Kindergarten ging ziemlich an mir vorbei, obwohl sie unbeschwert und schön war, laut den Erzählungen der anderen. Nach dem Umzug in eine Vierzimmerwohnung, kam ich in die Grundschule. Omi brachte und holte mich täglich ab. Das war anstrengend und erzog mich nicht gerade zur Selbstständigkeit. In diesem Zeitraum der ersten Klassen merkte ich, dass ich anders war als die anderen Kinder. Zuhause machte ich mal eine Bemerkung, dass ich gerne ein Junge sein würde. Meine Mutter lachte mich zuerst aus, versohlte mir den Hintern und sperrte mich dann in das Schlafzimmer, dass ich über mich nachdenken sollte. Da war ich fast sechs Jahre alt. Hätte sie die Bemerkung ernst genommen, wäre vielleicht alles anders gekommen. Ich verdrängte meine Gedanken doch mit meiner Mutter zu reden und spielte heimlich den Jungen. Meine Mutter erfuhr nie wieder, wie es um mich stand.
Ich spielte immer bei den Jungs mit, die mich als ihresgleichen ansahen und fühlte mich sehr wohl dabei. Die Jungs akzeptierten mich von Anfang an, denn in den ersten Jahren waren meine Haare kurz. Erst beim Übertritt in die Hauptschule hatte ich längere Haare, von meiner Mutter so bestimmt, und ich konnte mich von den Mädels nicht mehr abgrenzen. Bei Streichen und Raufereien war ich immer dabei mitten unter den Jungs. Und ich spielte liebend gern Fußball. Omi brachte mich immer noch in die Schule und holte mich mittags wieder ab. Ich schämte mich dafür und alles Bitten und Flehen half nichts, ich wurde begleitet. Wir einigten uns auf die Hälfte Weg, Gott sei dank. Es war nämlich peinlich, wie ein gutbehütetes Mamakind behandelt und dadurch gehänselt zu werden. Das gab oft Streit mit den großen Jungs und ich geriet öfters in Raufereien. Oft ging ich solchen Konfrontationen einfach aus dem Weg, in dem ich mich in mein Schneckenhaus zurückzog und daran dachte, wie es wäre, ein Junge zu sein.
Zur Aufklärung trug meine Mutter nur so viel bei, dass sie mir ein Päckchen Binden gab und ich von jetzt an Kalender führen sollte, da die Periode alle vier Wochen käme, basta. Da die Pubertät sehr früh begann, mit 10 ½ Jahren, war ich froh, dass meine Brüste klein blieben. Am liebsten lief ich in Hosen rum. Omi meckerte immer, ich sei ein Hosenmatz, aber ich fühlte mich so am Wohlsten. Vor allem hatte ich starken Haarwuchs an den Beinen. Mein Gewicht stimmte immer, da ich dank einer Schilddrüsenüberfunktion so viel essen konnte, wie ich wollte. So blieb ich schlank und sehr beweglich. Meine Beine waren allerdings die eines Jungen, behaart und gut trainiert. Mit dreizehn Jahren hatte ich die Größe von einssiebzig erreicht und war damit die größte Bohnenstange der Klasse. In dieser Zeit wurden meine Haare von meiner Mutter direkt gezüchtet. Mit 14 Jahren waren sie einen Meter lang. Und es reichte. Ein Angebot von einem Friseur, eine jugendliche Frisur zu machen und das mit einer Bildreportage für eine Zeitung festzuhalten, ergriff ich sofort. Runter mit der Haarpracht. Endlich fühlte ich mich frei. Von da an hatte ich ein Wörtchen mitzureden bei meinen Frisuren. Auch bei der Kleidung redete ich schon länger mit. Ein Rock kam mir zwar in den Schrank, ich zog aber nur unter Zwang und wenn es unbedingt sein musste einen an. Wenn ich als Mädchen auftreten musste, fühlte ich mich total unsicher und kroch in mich zusammen, wie eine Maus in ihr Loch. Sobald ich wieder zu Hause war, entledigte ich mich der Mädchenkleider und schlüpfte in Hosen. Da war die Welt wieder in Ordnung. Ich trumpfte auf und ließ mir nicht alles gefallen, was meine Mutter mit mir vorhatte. Dadurch holte ich mir manche Schläge ein. Ich bin oft geschlagen worden. Aber ich steckte es ganz gut weg, denn ein Indianer kennt keinen Schmerz, sagte meine Tante immer. Meine Stimme hatte sich entwickelt. Ich sang im Schulchor als Bariton mit. Das war toll. Beim Rollenspiel in der Schule und beim Theaterspielen übernahm ich die Männer. Lehrer sahen mein schauspielerisches Talent, das ich bestimmt von meinem Opa geerbt hatte, der war Karikaturist, Sänger und Schauspieler gewesen. Es fiel keinem auf, dass ich mich in der Männerrolle am liebsten aufhielt. So gut konnte ich das vertuschen. Und ich musste es vertuschen, da mich meine Mutter sonst erschlagen hätte. Auch heute noch.Mein Vater erfreute sich mittlerweile immer mehr am Alkohol. Er hatte ein Problem damit. Fast jeden Abend kam er später heim und war stark angetrunken bis berauscht. Er war entweder sehr müde, dass er im Fernsehsessel schlief oder er war richtig aggressiv und fing das Randalieren an. Omi gab immer Contra und so ergaben sich große Streitereien. Meistens war das Geld Thema Nummer eins. Als wir vom dritten in den vierten Stock zogen, die Wohnung war um ein Zimmer größer, legte sich das Alkoholproblem etwas. Mein Vater war nicht mehr so oft zugesoffen. Er hielt sich aber aus allem raus, vor allem aus der Kindererziehung. Nun hatte ich ein eigenes kleines Zimmer, in dem ich allerdings nicht schlief. Geschlafen wurde nach wie vor bei Omi im Zimmer. Des Öfteren kam meine Tante zu Besuch, die schlief dann ebenfalls mit im Zimmer. Das störte mich sehr. Für mich war Omi eine alte Frau, die oft schnarchte und in der Nacht herumstöberte. Außerdem fühlte ich mich immer beobachtet. Konnte nie im Bett lesen oder meinen Körper erforschen, wie das andere Mädchen und Jungs in dem Alter taten. Wir tuschelten oft über dieses Thema im Pausenhof und ich stand daneben und konnte nicht mitreden. Meine Schulfreundin war ein nettes Mädchen, die nicht verstanden hätte, dass ich anders war als andere Mädchen. Ich fühlte mich zu ihr hingezogen und umgarnte sie, wie ein Pennäler. Sie veralberte mich immer und nahm mich nie ernst. Unsere Wege trennten sich, als wir beide in verschiedene Schulen gingen. Da war ich eigentlich recht froh darüber. Ich kam zu den Englischen Fräulein nach Nymphenburg. Dort fühlte ich mich anfangs sehr Fehl am Platz. Bald merkte ich aber, dass es interessant war, den Mädels nachzusehen, ohne dass ich entdeckt wurde. Es waren immerhin vier Jahre, die ich in diese Schule ging. Wir spielten mit den Schwestern Fußball und machten richtige Leichtathletik. Das machte Spaß und ich konnte mich austoben. Im Chor sang ich in der Tenorstimme mit und wurde von den anderen immer etwas schief beäugt. Ich erklärte ihnen, dass das von meinem zu schnellen Längenwachstum gekommen wäre und sie waren zufrieden. Ich war immer noch die größte Schülerin der Klasse. In den Pausen spielten wir Raumschiff Enterprise und ich ergriff die Rolle des Mister Spock. Diese Rolle spielte ich perfekt und die anderen akzeptierten das ohne weiteres. Kurze Haare waren daher wieder angesagt und standen mir sehr gut. Manche bezeichneten mich als sehr maskulin, andere sagten Mannweib zu mir. Das störte mich keineswegs. Die Nähe der Mädels tat mir gut. Ich baggerte so manches Mädchen an, aber die waren meistens lesbisch und daran hatte ich kein Interesse. Ich schminkte mich nicht und versteckte meinen Oberkörper in weiten Pullis. Durch die nach vorne geneigte Haltung um den Busen zu kaschieren, hatte ich manchmal Kreuzschmerzen und die Schulterpartie verspannte sich.Noch einmal zogen wir in eine andere Wohnung. Es war ebenfalls eine Vierzimmerwohnung und lag direkt an einer Hauptstraßenkreuzung. In dieser Wohnung gab es ein kleines Zimmer in dem ein Bett Platz hatte. Ich habe lange gekämpft, fast ein Jahr, bis ich mein Bett darin aufstellen durfte. So war ich beinahe siebzehn, als ich mein erstes eigenes Reich hatte. Wenn eine Faschingsfeier angesagt war, wollte ich unbedingt als Mann unterwegs sein. Dabei unterstützte mich meine Mutter sogar, ohne zu wissen, worum es mir ging. Sie schminkte mich und klebte mir falsche Bärte an. Ich fühlte mich in diesen Zeiten fantastisch. Obwohl keiner merkte, dass ich mit Jungs nichts anfangen konnte. Ich möchte betonen, ich war und bin nicht lesbisch. Eine Schulkameradin hatte gemeint, sie könne mein Anderssein für eine Beziehung ausnützen. Sie war lesbisch und baggerte mich voll an, aber ich reagierte nicht. Ich wollte ein Mann sein und als solcher akzeptiert werden. Meine Mutter unterdrückte das in jeder Beziehung, obwohl sie nicht wusste, wie es um mich stand. Sie lebte und lebt nach vorbestimmten Muster und Schemen und weicht kein bisschen davon ab. Für sie würde eine Welt zusammenbrechen, wenn sie wüsste, wie es um mich steht. Ich musste Kleider anziehen, in denen ich mich nicht wohl fühlte, musste Frisuren tragen, mit denen ich mich äußerst unwohl fühlte. Dauerwellen und Locken und teilweise Hochsteckfrisuren, wenn es die Haarlänge zuließ. Es hieß immer, ich sei ein hübsches Mädchen und man benimmt sich ordentlich, läuft nicht in Hosen rum und gebe sich nicht immer mit Jungs ab und mache sich nicht schmutzig. Auch bei der späteren Hochzeit wurde ich von meiner Mutter regelrecht verplant, was Haartracht und Kleidung anbelangte. Sie sagte, sie hätte gewusst, wie ich als Braut aussähe, als ich noch ein kleines Kind war. Ihre Vorstellungskraft ist manchmal enorm.
Der männliche Teil in mir wurde regelrecht unterdrückt. Ich benutzte meinen ?Schalter?, legte die Männerklamotten ab und verwandelte mich in ein braves schüchternes Mädchen. Einen Tanzkurs durfte ich besuchen. Das machte sogar Spaß. Und in dieser Zeit lernte ich einen jungen Mann kennen, der Gefühle in mir weckte, die ich noch nie erlebt hatte. Mittlerweile war ich achtzehn Jahre alt. Meine Mutter war ganz froh, dass ich noch keinen Freund hatte. Ihr wäre sowieso keiner recht gewesen. Ich durfte nie länger wegbleiben, bis spätestens neun Uhr abends. Kam ich nur fünf Minuten später, handelte ich mir eine Ohrfeige ein. Mit Backpfeifen und Schlägen war meine Mutter immer sehr schnell. Die Brille brach dabei sogar mal entzwei.
Kapitel 2 Erwachsen werden und Familie
Der erste Tanzpartner war ein netter junger Bursche, der mir gefiel. Er war zuvorkommend und gut erzogen. Ich sah ihn als wirklichen Partner. Tanzen und Bewegung zur Musik hatten mir schon immer Freude gemacht. Sicher, ich musste bei Auftritten und Turnieren Kleider anziehen, aber nur für ein paar Stunden. Dann war das wieder vergessen. Beim Training trug ich natürlich Hosen. Da war der Schalter wieder im Einsatz.Nach dem Verschleiß von drei Tanzpartnern, sprang ein junger Mann ein, dessen Tanzpartnerin verhindert war. So lernte ich meinen jetzigen Mann kennen. Ich versuchte mit aller Gewalt mein Anderssein in die hinterste Ecke zu drängen. Eine gewisse Zeit gelang das auch, denn wir liebten uns wirklich. Als ich 21 war heirateten wir, hatten eine schöne Wohnung und machten den Motorradführerschein miteinander. Ich war selig, denn so eine Sportart war damals eine fast reine Männersache. Ich konnte bei Männern mithalten. Meine Mutter hielt uns für verrückt, mich sowieso, aber das war mir so ziemlich egal. Die Lederklamotten und unter Männern zu sein, erfüllte mich mit Stolz. Sie akzeptierten mich auch als Kumpel und nicht als Frau. Viele Fahrten nach Österreich und durchs Alpenland unternahmen wir im Auftrag von Motorradreisen. Mein Mann agierte da als Reiseleiter. Dann wurde ich schwanger und das Motorrad wurde in die Ecke gestellt. Zumindest solange, bis der Kleine von Omi oder Oma beaufsichtigt werden konnte, ohne dass ich mir Sorgen machen musste. Danach unternahmen wir wieder gemeinsame Touren. Das Motorradfahren war für mich ein schönes Erlebnis. Man sitzt auf der Maschine, meistens allein, und kann seinen Gedanken nachhängen. Da war ich ganzer Kerl. Vor allen Dingen wurde ich von den Reiseteilnehmern des Öfteren mit Herr Fischer angesprochen, bis mein Mann das Missverständnis aufklärte. Da war ich immer kurz davor, ihm Bescheid zu sagen, aber ich wollte nicht diese Partnerschaft aufs Spiel setzen, denn eine wirkliche Partnerschaft war es. Wir teilten uns die Arbeit im Haushalt. Er kann sogar bessere Kuchen backen als ich und beim Staubsaugen ist er große Klasse. Auch näht er selbst Knöpfe an und bügelt sich seine Hemden selbst.In unserem Wohnort, einem 1100 Seelen Ort, gab es zu Fasching viele Bälle. Unter anderem auch Weiberfasching. Das war riesig. Einmal als Charlie Chaplin, das andere Mal als Spanier oder als Zwerg verkleidet, kam mein Innerstes wieder zum Vorschein. Ich legte meinen Schalter um und der Mann kam zum Vorschein. Mehrere Male glaubten die Leute an der Kasse nicht, dass ich ein weibliches Wesen war und musste mich fast ausziehen. So gut hatte ich mich in die Männerrolle eingefunden. Mein Schalter funktionierte perfekt.Mein Mann hat es immer verstanden, die Frau aus mir rauszuholen, den Schalter wieder umzulegen. Ein zweites Mal wurde ich schwanger und ein kleines Mädchen kam auf die Welt. Mein Mann ließ sich in der Zeit, als das Mädchen noch ein Säugling, war zum Lehrer ausbilden. Das hatte zur Folge, dass wir den Wohnort wechselten und uns einen neuen Bekanntenkreis aufbauten. Die Nachbarn nahmen uns sehr nett auf. Am Ort gab es ein Akkordeonorchester in das mein Mann eintrat. Ich hatte mit den Kindern eine Aufgabe, aber die reichte mir nicht und so suchte ich mir eine Arbeit in meinem Beruf als KFO Fachkraft. Ich fand einen Job ganz in der Nähe unseres Wohnortes. Da arbeitete ich fünf Jahre. Meine Männlichkeit kam immer mehr zum Vorschein. Aber die Leute mit denen ich umging, störte das nicht. Nach fast zwei Jahren Arbeitslosigkeit fand ich in der Hauptstadt eine Arbeitsstelle. Nette Kollegen und ein netter Chef nahmen mich auf, wie ich mich gab. Nach einem halben Jahr bekam ich Schwierigkeiten mit der Gebärmutter. Ich hatte meine Periode fast immer zwei Wochen lang und das sehr stark. Das nervte mich schon lange, war meistens krank und sehr unpässlich und konnte mich zu nichts aufraffen in dieser Zeit. Bauchschmerzen und Migräneanfälle begleiteten mich mein Leben lang. Damit war jetzt Schluss. Ich ging zum Frauenarzt und der nahm sie mir raus. Die Eileiter sind schon seit einigen Jahren durchtrennt, da ich kein weiteres Kind wollte. Mein Mann ebenfalls. Oh, war ich glücklich, diese Sache endlich los zu sein. Jetzt war ich noch männlicher. Meine Kleidung passte ich an, kaufte nur Herrenhemden und Männerjeans waren sowieso angesagt. Die Haare wurden zu einem richtigen Männerhaarschnitt. Rasieren muss ich mich ebenfalls, zwar nicht täglich aber immerhin sehr oft, sonst hätte ich einen ganz schönen Kinnbart. Bei Auftritten mit dem Orchester lief ich immer mit Fliege und ganz in Schwarz gekleidet, das störte die anderen nicht. Auch im Chor, bei dem ich im Tenor singe, werde ich so angenommen. Ich habe sogar eine rote Krawatte. Das stört keinen. Sie sagen, ich sähe gut aus, und das bestätigt mich. Langsam entglitt mir der Schalter, aber ich wollte es.Mein Mann ahnte von meinem Problem überhaupt nichts. Er wollte zwar öfters mit mir schlafen, aber das konnte ich meistens abwenden. Wie sollte ich reagieren? Als Mann? Oder als Frau, das immer schwieriger wurde. Besser ich blockte das von vornherein ab. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen dabei, aber sollte ich alles aufs Spiel setzen? Familie, Kinder, Arbeit und Bekannte? Lieber lebe ich mit ihm, wie mit einem großen Bruder zusammen. Jeder hat seine Aufgaben und ich denke, jeder wird mit seiner Situation gut fertig.Am Ort wurde ich in eine Gruppe Frauen aufgenommen, die gerne erzählten, strickten und Eis essen gingen. Diese Frauen haben ihre Runde schon seit zwanzig Jahren und es sind ein paar Ehefrauen der Akkordeonmänner. Da fühlte ich mich richtig wohl, so mit meinem Geheimnis unter Frauen. Seit zehn Jahren schon traf ich die Damen regelmäßig jeden zweiten Mittwoch im Monat. Eine gefiel mir besonders gut und ich machte ihr nach längerer Zeit Avancen. Wir gingen auf einen Weiberfaschingsball und ich verguckte mich in sie. Der Schalter in mir war gekippt und ich wollte ihn nicht mehr zurückstellen. Es war ein herrliches Gefühl, als Mann aufzutreten. Ich hörte nicht auf, zu Baggern und sie sprang auf mich an, als ich ihr mein Problem erklärte. Bei ihr entwickelten sich langsam Gefühle, sie sah mich voll als Mann. Ihr eifersüchtiger Mann machte dem Ganzen den Garaus und verbot ihr, mit mir zusammen zu sein. Mein Mann reagierte auf meine Offenbarung ziemlich gelassen. Wir gehen mit dem Problem auch ganz anders um, haben uns nicht angeschrieen oder gezankt. Wir reden wieder öfters miteinander, was wir schon lange nicht mehr taten und wollen uns gegenseitig helfen. Wir wollen auf alle Fälle zusammenbleiben, auch wenn meine Veränderung immer mehr fortschreitet. Der Schalter ist für immer umgelegt und wird es auch bleiben. Ich fühle mich so gut. Jetzt heißt es warten auf das, was da alles so auf mich zukommt.Die Affäre habe ich beendet und für immer zur Seite gestellt. Heimlichkeiten und Lügen bringen auf Dauer nichts. Man macht sich nur kaputt damit.
Kapitel 3 Veränderungen
Seit Hormone im Einsatz sind, wird mein Aussehen immer männlicher. Die Stimme hat sich so verändert, dass ich im Chor nun bei der Bassstimme mitsinge.
Unlängst wurde ich von einer älteren Dame aus einer Damentoilette komplimentiert. Das bestätigt mich. Die Bankkarte und die Krankenversicherungskarte lauten schon auf meinen neuen Vornamen und ich habe nirgends Probleme damit. Etwas aggressiver bin ich geworden, sagt die Familie.
Wer große Probleme hat ist meine Mutter. Da ein trauriges Ereignis die ganze Familie zusammenrief, telefonierte mein Mann mit Mutter und warnte sie vor. Sie tat das mit dem lapidaren Satz ab, ich hätte schon immer gesponnen. Diese Reaktion habe ich fast erwartet. Für meine Mutter existiere ich wahrscheinlich nicht mehr. Sie hat kein kleines Mädchen mehr, das man bevormunden und mit dem man renommieren kann. Zum runden Geburtstag rief ich bei ihr an und es war momentan Schweigen in der Leitung. Sie reagierte sehr reserviert.Die Hauptsache aber ist, dass alle meine Wehwehchen spurlos verschwunden sind und der Zusammenhalt meiner Familie gestärkt wurde. Ich habe mein eigenes Zimmer und jeder kann sich zurückziehen, wann er Lust hat.
Ich lebe nach dem Motto: ?Ich bin nicht auf der Welt, um so zu sein, wie andere mich haben wollen.?
Kapitel 4 Schule
Eingeschult wurde ich 1962. Es begleiteten mich Omi und meine Mutter. Schick angezogen und mit Schleifchen im kurzen Haar. Die Schultüte war mit allerlei Süßigkeiten beladen. Ich war nicht traurig, als Omi und meine Mutter gingen. Ich durfte in der ersten Reihe sitzen und hörte gespannt auf den Kaspar, der auf der Hand von Frau Rektorin saß. Er erzählte uns alles, was wir für die erste Zeit in der Schule wissen mussten. Ich freute mich auf die weiteren Schulstunden und Tage, aber Kaspar kam nur ganz selten zu uns. Frau Rektorin war sehr streng und erlaubte nichts. Die ersten zwei Schuljahre dümpelte ich in der Klasse im Mittelfeld mit. Da ich in der Pause immer mit den Jungs rumzog, mieden mich die anderen Mädchen. Das machte mir gar nichts, denn ich war sowieso mehr Einzelgänger, da ich so besser meinen Träumen nachhängen konnte. In der dritten und vierten Klasse hatten sich meine Leistungen nicht gesteigert. Singen und Erdkunde waren meine Lieblingsfächer, in denen ich gute Noten hatte. Als ich dann in die fünfte Klasse kam, musste ich in eine andere Schule gehen, diese lag näher bei unserer Wohnung. Die neue Schule gefiel mir gar nicht. Es war ein Betonklotz und sehr heiß im Sommer. Die Lehrer entpuppten sich als nicht mehr so nett, wie in der Grundschule. Gut, dass ich mit den Jungen mit lief. Was mir nicht gefiel war, dass ich bei den Turnstunden in die Mädchengarderobe gehen musste. Die verhielten sich gehässig und hänselten mich immer, weil ich so lang und dünn war. Meine wachsenden Haare beneideten sie dagegen. Ich wollte das nicht, aber oft fingen wir zu streiten an und hätten uns sicher geprügelt, wenn nicht immer die Lehrerin nachgeschaut hätte. Mit den Lehrern focht ich so manchen Kampf aus, um meine Persönlichkeit. In dieser Zeit verkroch ich mich immer mehr in mein Innerstes und ließ mir, wann und wo es ging, den Jungen raushängen. Natürlich handelte ich mir so manche Ohrfeige von zu Hause ein. Endlich war dann diese Zeit vorbei und ich kam in die Hauptschule. Das war wieder die alte Schule von vorher. Jetzt hatte ich einen Lehrer als Klassenleitung. Dieser verprügelte nur Jungs mit einem Bambusstab und die Mädchen durften seitenlang Strafarbeit schreiben. Das ließ ich nicht auf mir sitzen und kämpfte für Gleichberechtigung. Die anderen Mädchen begrüßten das und ich war richtig stolz auf mich. In diesem Zeitraum veränderte sich meine Stimme. Ich krächzte manchmal wie ein kranker Vogel. Dafür durfte ich im Schulchor im Bariton mitsingen. Das erfüllte mich ebenfalls mit Stolz. Die Hauptschule brachte ich so recht und schlecht hinter mich. Krankheitsbedingt ging ich acht Jahre in die Hauptschule. Danach kam ich zu den Englischen Fräulein nach Nymphenburg. Diese Schule war eine ganz neue Erfahrung. Das erste Jahr besuchte ich das Tagesheim und war bis fünf Uhr abends dort. Während dieser Nachmittage machte ich Hausaufgaben und lernte mehr oder weniger. Das Essen war gut in der Schule und wir alle lernten, einen Haushalt zu führen, was ja Jungs nicht schadet. Ich entwickelte mich in dieser Zeit zu einer langen Bohnenstange ohne Busen und Hintern. Meine Mutter sagte immer ich solle mehr essen, aber mehr ging nicht. Die Schilddrüse funktionierte sehr gut, ich konnte Portionen essen, da hätte sich manch anderer zwei Tage davon ernährt. Die anderen Schülerinnen waren neidisch auf mich, weil sie auf ihre Figur aufpassen mussten. Nur kam manchmal mein Zuckerhaushalt durcheinander und da war mir zum Speien schlecht. Deshalb hatte ich immer ein Stück Zucker dabei. Problematisch war dadurch der Schullandheimaufenthalt zur Abschlussfahrt. Dieses erste und letzte Mal durfte ich mitfahren, mit dem Versprechen, immer ordentlich Zucker dabei zu haben. Die vorhergehenden Schullandheimaufenthalte wurden von meiner Mutter immer erfolgreich abgeblockt. Ich tobte, schrie, war beleidigt, aber nichts half. Ich wurde wieder in mein Zimmer eingesperrt, nach einer Tracht Prügel. Mein Vater hielt sich aus dieser Sache raus. Dann kam die Zusage. So war die Abschlussfahrt die Einzige. Wir fuhren nach Straßburg. Es war einfach toll. Wenn die Mädchen so freizügig im Zimmer umherliefen, regte sich in meiner Leistengegend etwas und ich verließ fluchtartig das Zimmer. Die anderen hielten mich für sonderbar, das mir aber nichts ausmachte, denn in deren Sinn war ich es auch.In den großen Ferien karrte uns (Omi und mich) meine Mutter in den Bayrischen Wald zu meiner Tante. Dort habe ich vom Babyalter an bis zum Schulabschluss meine Ferien verbracht. Da konnte ich manchmal auf eigene Faust was unternehmen. Meine Tante war sehr einfallsreich und lustig. Sie machte mit uns geplante Unternehmungen und ich lernte manches von ihr. Aber je älter ich wurde, umso lästiger wurde die Fahrt in den Wald, da ich nie bis selten alleine war.Als ich siebzehn war, setzte ich einen Solourlaub durch. Ich wohnte bei meiner Tante und die Nachbarin war für mich da und chauffierte mich mit dem Auto zum Skizentrum. Zu den Englischen wurde ich von meiner Mutter gefahren, mit noch einem Mädchen, eine Freundschaft entwickelte sich mehr oder weniger. Nach Hause fuhr ich mit Bus und Straßenbahn. Endlich konnte mich Omi nicht mehr abholen, aber wehe ich kam ein paar Minuten später als gewohnt nach Hause, da war der Teufel los. Da ich die Mathelehrerin hasste, machte ich im Unterricht nicht mit und vermasselte mir so die Abschlussprüfung. In Deutsch kam ich mehr recht als schlecht auf eine passende Note und die Schreibmaschinenprüfung setzte ich wegen Steno in den Sand. So habe ich meine Reifeprüfung nicht bestanden. Machte mir aber gar nichts. Nur von meiner Mutter wurde ich beschimpft, was für eine Pfeife ich sei. Ich schüttelte mich wie ein nasser Hund. Schließlich war ich schon achtzehn. Auf Jobsuche ging ich gleich am Anfang der großen Ferien und ich fand per Zeitungsanzeige eine Arbeit in einem Zahntechnischen Labor.
Kapitel 5 Arbeit
In diesem Labor fing ich am 19. August 1974 um sieben Uhr Früh an. Von den Leuten wurde ich gut aufgenommen. So wie ich war und mich gab. Meine Kleidung entsprach ganz den siebziger Jahren. Schlaghosen und Dackelohrenhemden. Nebenbei machte ich den Führerschein und bestand ohne Fehlerpunkte. Jetzt konnte ich mir meinen Traum von einem Sportwagen erfüllen. Denn Geld verdiente ich nicht schlecht. Leider zog mich der Autoverkäufer über den Tisch und verkaufte mir einen Rosthaufen Namens Fiat 850 c Sportcoupe. Das Auto hatte ich nur knapp ein Jahr, dann trennte uns der TÜV.Zupacken konnte ich ebenfalls. Ich hatte Kraft und Ausdauer. Manchmal sagten die im Labor ich hatte Kraft wie ein Mann. Wenn die gewusst hätten. Ich schulte meine Fingerfertigkeit und ein gutes Augenmaß hatte ich schon immer. Das ganze Labor zog nach 1 ½ Jahren in neue Räume. Insgesamt arbeitete ich siebeneinhalb Jahre dort. Ich meinte, es wäre besser näher am Wohnort zu arbeiten. Mittlerweile wohnten mein Mann und ich außerhalb der Großstadt. Ich bekam zwei Arbeitsstellen, abwechselnd im Wochentakt, aber das war ganz schön stressig. So suchte ich wieder Arbeit und fand eine in einem Praxislabor mit einem Kollegen. Da bekam ich wieder Zuspruch und gutes Arbeitsklima und ich fühlte mich wohl. Nach kurzer Zeit wurde ich schwanger. Mein Mannsein hatte ich ziemlich in die Ecke gedrängt. Es tauchten Herzrhythmusstörungen auf. Kein Arzt konnte feststellen, woher diese kamen. Das Herz war gesund. Also mussten diese Störungen psychosomatisch sein. Oft war der Notarzt bei mir, da sich mein Mann nicht mehr zu helfen wusste. Als der Junge geboren war, machte ich ein halbes Jahr Pause mit Arbeit. In unserem Wohnort war ein Zahnarzt und der gab mir Arbeit. Das konnte ich erledigen, während der Kleine schlief. Nebenbei ging ich in den Kindergarten saubermachen. Das Mädchen kam auf die Welt und der Putzjob blieb. Die Kleine war noch keine zwei Jahre alt, als wir umzogen und eine große Wohnung in einem schönen Ort unser nennen konnten. In diesem großen Dorf wurden wir sehr lieb aufgenommen. Wir fühlten uns von Anfang an wohl. Nach ungefähr einem Jahr, das Mädchen hatte einen Kindergartenplatz und der Große ging schon in die Schule, las ich eine Zeitungsanzeige von einem Kieferorthopäden und rief sofort an. Ich konnte vorbeikommen und im folgenden Monat hatte ich einen Halbtagsjob im Labor. Da arbeitete ich fünf Jahre. Meine Männlichkeit und meine Art nicht immer klein beizugeben, haben mich den Job gekostet und so war ich für etwas länger als ein Jahr arbeitslos. Wiederum eine Zeitungsanzeige brachte mir den nächsten Job. Direkt in der Hauptstadt und gut mit dem Zug zu erreichen, war das eine sehr günstige Stelle. Die Kollegen sind alle nett und nehmen mich so wie ich bin. Meine Veränderung geht so langsam voran, dass ich sicher bin, keiner wird vor den Kopf gestoßen sein, wenn ich Paul heiße.
Kapitel 6 Eltern und Omi
Sie, (Mutter) ist eine bemerkenswerte Frau, das muss ich zugeben. Allerdings hatte sie mit Kindererziehung nicht viel am Hut, wie ich schon erwähnte. Den Mann der mein leiblicher Vater ist, durfte sie nicht heiraten, weil er Künstler war und den Malerpinsel mit den Lippen anspitzte. Das sei nicht so optimal für die Gesundheit. Na, dann heiraten wir halt einen anderen Mann. Bestimmte Omi. Und das wurde dann auch erledigt. Der Mann, mein Adoptivvater, über den es nicht viel zu erzählen gibt, kam gerade aus Dachau und war ein Strich in der Landschaft. Omi päppelte ihn auf und so entwickelte er sich ganz gut. Jeder von den zweien ging in die Arbeit und brachte Geld mit nach Hause. Einen Teil davon strich Omi als Haushaltsgeld ein. Der Rest ging für Einrichtungsgegenstände und für die kostspieligen Anschaffungen meiner Mutter drauf. Sie legte großen Wert auf ihr Äußeres und leistete sich ein Auto. Dann hatte sie viele gute Freunde und lebte eigentlich immer auf großen Fuß. Sonntags war dann Familie groß geschrieben. Omi kochte, Mutter langte ab und zu hin und Vater war immer die Spülmaschine. Manchmal fuhren wir auch mit dem Auto ins Grüne. Meistens ging es in den Forstenrieder Park zu den Wildschweinen. Ich musste immer mit. Oder wir besuchten unsere Bekannten in Grießstätt. Es war meistens langweilig. Wie gerne hätte ich mit meinen Freunden zum Fußballspielen getroffen oder sonst was anstellen. Aber ich musste immer das guterzogene brave Mädchen mimen. Ich durfte mich auch nicht schmutzig machen. Wehe ich hatte dreckige Finger oder gar einen Fleck im Kleid. Da ging die Post ab. Ich wurde geschimpft, Waschmaschine gab es noch keine und so musste man auf die Kleidung aufpassen. Manchmal fielen sogar Ohrfeigen. Meistens wegen der Kleiderordnung, die ich so gar nicht liebte. Ausgefranste Jeans und lustige Hemden waren mir am Liebsten, meiner Mutter aber gar nicht. So handelte ich mir manche Watschen ein. Die Brille, die ich mit neun Jahren bekam, ist sogar einmal entzwei gegangen. Ich hatte damals Glück, dass der Nase nichts passiert ist.
Meine Mutter hatte schon immer die Vorstellung von einem eigenen Geschäft und so büffelte sie an ihrer Meisterprüfung in Abendschule. Das kostete zur damaligen Zeit eine Menge Geld. Aber sie hat es geschafft und ein paar Jahre später war sie stolzer Besitzer ihres Geschäftes, in dem sie von ihrer Gesellenzeit an arbeitete. Ich kam in dieser Zeit ziemlich kurz, da Mutter bis Abends im Geschäft stand und ich schon im Bett war, wenn sie von der Berufsschule heim kam. Da sie damals noch viel zu jung war zum Kinderkriegen, finde ich, war sie nicht reif genug dazu, eines zu erziehen und war ganz froh, ihre Mutter in der Nähe zu haben. Bei mir meinte sie anscheinend irgendetwas versäumt zu haben und steckte ihre ganze Autorität in mich. Ich durfte praktisch gar nichts. Nicht alleine in die Schule gehen, dafür war Omi da, nicht Radfahren auf der Straße, nur Rollschuhfahren auf dem Gehweg. Meine Fußballspiele musste ich heimlich besuchen, da unterstützte mich meine Schulfreundin. Bei ihr durfte ich mich umziehen und danach saubermachen. Ich durfte nicht die Frisur tragen, die mir gefallen hätte, die Kleidung wurde bestimmt und von Omi in der Früh immer bereitgelegt. Da habe ich mit Omi manchen Kampf ausgefochten. Selbständig durfte ich gar nichts machen, geschweige laut denken. Mein Vater zog sich elegant aus der Affäre, er ging ins Wirtshaus. Omi überwachte mich rund um die Uhr, das nervte mit der Zeit. Das einzige, bei dem ich richtig Spaß hatte, waren immer die Ferien im Bayrischen Wald. Meine Mutter lieferte Omi und mich immer am Anfang der großen Ferien ab und holte uns sechs Wochen danach wieder ab. Wir wohnten jedes Mal bei Tante Biene und besuchten des öfteren Onkel Konrad auf dem Bauernhof. Da konnte ich tun und lassen, was ich wollte, konnte mich schmutzig machen und rumtollen und mit den Jungs mitlaufen. Außerdem lernte ich viel über die Natur, lernte Reiten und von Tante Biene manch Praktisches, wie Lagerfeuer anzünden und Drachenbauen oder Kartoffel braten im offenen Feuer und vieles mehr. Das war eine glückliche Zeit. Auch lernte ich das Radfahren. Und zwar auf einem Jungenfahrrad. Ich war stolz und zufrieden. In den Ferien hatte ich einen netten Kumpel, der mich als Freund betrachtete, da ich so viele Jungensachen anstellte. Wir hatten uns Feriennamen gegeben, er hieß eigentlich Karl, nannte sich für mich Peter und ich war für ihn Paul. Das war unser Geheimnis.
Mit sechs Jahren hatte ich nämlich ein Kinderfahrrad zu Ostern bekommen. Auf dem saß ich höchstens dreimal, dann schraubte mein Vater die Stützräder weg und ich kippte um. Von da an habe ich das Rad nicht mehr angesehen. Das gab einen großen Zirkus mit meiner Mutter, es sei so viel Geld ausgegeben worden und ich stelle mich so an, aber das war typisch Mutter, sie war nie zufrieden, mit dem was ich machte oder von mir gab.Und als meine eigenen Kinder geboren waren, mischte sich Mutter auch da ein und sagte das würde sie so und so machen. Da ich das nicht wollte und nicht berücksichtigte und außerdem mal eine Bemerkung über ihre dauernden Geschenke für die Kinder machte, war über ein Jahr Funkstille zwischen uns.Momentan herrscht diese Stille ebenfalls, weil mein Sohn lange Haare hat und ihrer Meinung nach keine Erziehung. Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Jugend geht heute ganz anders miteinander um. Und einem Erwachsenen kann und soll man nichts mehr dreinreden. Das meint sie nämlich, dass man ewig Kind bleibt und dauernd Erziehung braucht. Auch diesmal hält sich mein Vater vornehm zurück. Von meiner Veränderung werden sie noch früh genug erfahren. Meine Haarfarbe und der Schnitt haben meiner Mutter sowieso nicht gefallen. Das ist mir egal, denn ich lebe mein eigenes Leben. Das habe ich immer schon getan, obwohl ich unter der strengen Fuchtel meiner Mutter immer alles verdrängen musste und mich oft genug zurückzog. Ich machte gute Mine zum bösen Spiel. Das hat mir einiges erleichtert, obwohl es mich fast krank gemacht hat. Ich überlege, ob ich meiner Mutter überhaupt was sage, das könnte ihr Ende sein. Wie sich herausgestellt hat, und das bestätigte mich in meiner Annahme, hat meine Mutter mich als Spinner abgetan. Weiter nichts. Mein Vater hat größere Probleme damit. Die Kinder nehmen langsam wieder Kontakt auf, schließlich ist es ihre Omi. Hauptsache ist doch, dass jeder so lebt, wie er es am Besten kann und will.
Kapitel 7 Hobbys
Tja, meine Hobbys sind sehr vielfältig. Ich lese gern und zwar alles was mir unter die Augen kommt. Am liebsten sind mir Krimis und Abenteuergeschichten. Überhaupt nicht mag ich Gedichtbände von Klassikern. Liebesgedichte und lustige Reime schon eher. Dann interessiert mich auch Literatur über meine Art Menschen, Transgender und Zwitter und alles was dazu gehört. Liebesromane und Romantikgeschichten lese ich ebenfalls gern. Mein schönstes Hobby, wenn ich Zeit dazu finde ist zeichnen und malen. Früher habe ich ganz ordentliche Bilder zustande gebracht, aber mir fehlt einfach die Ruhe dazu, denn ein Termin jagt den anderen.Fußballspielen war auch immer eine Leidenschaft, musste leider wegen der Knie aufhören. Dazu gehört das Reiten. Da mir meine Halswirbelsäule zu schaffen macht, sagte der Arzt, ich solle besser aufhören. Ach ja, Kochen gehört auch dazu. Ich koche sehr gerne und experimentiere mit Rezepten herum. Welcher Mann macht das nicht gerne. Kuchenbacken hat meine Ehehälfte übernommen, weil ich keinen Teig in der Schüssel lasse, zum Ausschlecken. Das Motorrad fahren machte mir schon immer Spaß. Leider steht die Maschine jetzt verstaubt im Keller und wartet auf Reanimation. Vielleicht, wenn genügend Geld da ist, werde ich wieder anfangen. So was verlernt man nicht. Früher habe ich auch viele Handarbeiten gemacht, aber das geht jetzt nicht mehr, weil die Augen nachlassen und ich in die Nähe immer eine andere Brille brauche, als zum Fernsehen. Und Stricken ist sowieso nicht mehr wegen der Sehnen und es war schon immer nicht mein Ding, besonders das Nähen, denn Handarbeitsunterricht habe ich gehasst.Tanzen wieder anzufangen, wäre auch nicht schlecht, aber dann in der Rolle des Mannes. Fasching habe ich das schon praktiziert und es ist wunderschön eine Frau im Arm zu halten. Ein anderes Hobby ist das Schreiben von Kurzgeschichten und Romanen. Gedichte habe ich auch schon verfasst. Es macht dabei Spaß mich in die Rolle der Hauptperson zu versetzen und mitzuerleben, wie er sein Abenteuer besteht. Natürlich sind das nur Männer. Dann ziehe ich mich gern männlich chic an. Meine Kleidung entspricht der aktuellen Zeit. Einkaufen dafür ist auch ein schöner Zeitvertreib. Nur fehlt manchmal das nötige Kleingeld dazu.Groß geschrieben wird bei mir das Singen im Chor. Da kann ich mich entwickeln und meine Stimme unter Beweis stellen. Ich singe für mein Leben gern und in dem Chor, in dem ich zurzeit singe, fühle ich mich sehr wohl. Dort werde ich anerkannt und keiner fragt, warum ich in Männerkleidern rumlaufe. Sogar Krawatten hatte ich schon an und das stört keinen. Musik zieht sich durch mein Leben wie ein roter Faden. Mein Großvater mütterlicherseits war Buffo, Karikaturist und Schauspieler. Er hat mir wahrscheinlich das Talent vererbt mit Musik was anfangen zu können. Ich höre gern Musik, allerdings keine schwere Klassik und Orgelmusik. Selbst spiele ich Keyboard und Gitarre und ein bisschen Klavier. Es ist schön mit anderen Leuten Musik zu machen oder zu singen. Deshalb verstehe ich meine Mutter nicht. Sie erkennt in der Familie keinen an, der künstlerisch tätig ist. Obwohl sie von einem Künstler die Tochter ist.Eine weitere Leidenschaft sind Natur, Tiere und der Garten. In meiner Kindheit hatten wir immer ein Haustier und das hat sich bis heute nicht geändert. Meistens sind es Vögel gewesen. Eine Katze war auch mal dabei. Der Garten nimmt immer mehr Gestalt an. Es steckt viel Arbeit drin, aber es lohnt sich. Es ist schön, zu sehen, wie alles grünt und gedeiht. Wenn ich mal durch den Wald gehe, das selten ist, sehe ich die kleinsten Käfer und Tiere. Das ist das einzige, was mich mein Vater gelehrt hat, mit offenen Augen durch die Natur zu gehen. Vor allen auch zu hören, wie die Vögel und Tiere im Wald sich anhören. Ebenfalls ist es wunderbar die Sonne auf- oder untergehen zu sehen. Da kann man nachdenken und gleichzeitig abschalten. So, das waren meine Hobbys. Langweilig wird es nicht, denn ich weiß immer etwas anzufangen. Jetzt habe ich das Trommeln entdeckt. Ich habe mir ein Djembe zugelegt und schon zwei Kurse besucht. Das macht riesigen Spaß und abschalten kann man auch dabei.
Kapitel 8 Mein Leben als unfertiger Mann
Das dauert mein ganzes Leben. Ganz extrem aber die letzten fünf Jahre. In meinem Körper habe ich mich nie richtig wohl gefühlt. Da war etwas, was ich nie richtig beschreiben konnte und jetzt auch noch nicht die richtigen Worte finde. Ich fühle mich einfach wohl, wenn ich Männerklamotten anziehe und so unter die Leute gehe. Auch unter die, die ich gut kenne. Und seit die Gebärmutter entfernt ist, bin ich das lästige Zeug los, das mich immer an die Frau erinnert hat und das oft sehr intensiv. Vor einem Jahr lernte ich eine Frau kennen, was ich zuvor nie erlebt hatte. Ich weiß nicht, ob diese Frau es ehrlich mit mir meinte, denn sie hat mir ihre Liebe nie so richtig gestanden. Sie hat es geheimgehalten, bis ihr Mann eine Szene machte, da er so eifersüchtig wie selbstgefällig und egoistisch ist und kein anderer neben ihm gilt. Er hat seine Frau gekauft und nicht geheiratet. Aber das ist ein anderes Thema. Jedenfalls habe ich in der kurzen Zeit meine ganze männliche Seite körperlich gespürt. Es ging mir ausgesprochen gut und meine Herzrhythmusstörungen sind seit dieser Zeit wie weggeblasen. Diese Frau hat voll den Mann in mir gesehen. Und das hat mich bestätigt und mir meinen zukünftigen Weg geöffnet. Denn dieser Weg war mir in meiner Familie immer verwehrt. Zuerst von meiner Mutter, dann von meiner eigenen Familie. Nicht, dass ich ihnen böse bin, aber ich musste mich immer zurückhalten und die gute Hausfrau, Mutter und Ehefrau spielen. Es war immer dieser Schalter im Weg. Das ist anstrengend auf Dauer und ich glaube, dass daher die Sache mit meinem Herz und die häufigen Migräneanfälle kamen. Denn seit fünf Jahren bin ich ein anderer Mensch. Was mir noch fehlt zu meinem kompletten Glück ist, dass ich im Stehen Pinkeln kann und mein Busen verschwindet. Ich bin auf dem richtigen Weg und habe die ersten Schritte eingeleitet.
Rasieren muss ich mich schon länger und da ich ganz erheblich an Gewicht verloren habe, fühle ich mich noch mehr als Mann. Meine Figur stimmt, bis auf die Oberweite. Die Schultern sind etwas breiter als die Hüften, da ich Muskeltraining mache. Meine Beine haben die Behaarung eines Mannes und der Intimbereich ist ebenfalls so behaart. Mein Haarschnitt ist der eines Mannes und die Haarfarbe ist schwarz. Mein Gesicht ist schmaler geworden und die Brille ist kaum noch zu sehen, weil ich eine Randlose ausgesucht habe. Alle sagen, ich sähe gut aus und ich glaube es. Von meiner Tochter habe ich ebenfalls schon Komplimente bekommen. Dazu kommt, dass ich für viel jünger gehalten werde. Das tut gut. Wir werden sehen, wie es weitergeht. Seit dem letzten Besuch beim Psychologen (Nürnberg) im April habe ich in der Bekanntschaft, bei Freunden und in der Arbeit die Karten offen auf den Tisch gelegt. Mein Chef hat damit kein Problem. Die anderen müssen es noch verarbeiten. Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Vor allen beziehe ich meinen Mann voll mit ein, das er mir allerdings voll ankreidet und wieder Heimlichkeiten hat. Er ist dabei gewesen, als ich mit unseren Bekannten gesprochen habe und mich geoutet habe. Das mit den Männertoiletten macht mir auch nichts aus, denn ich bin ja einer. Von allen Seiten kommt gutes Feedback und die meisten Menschen mit denen ich zu tun habe, begrüßen mich mit Herr Fischer. Und was das Beste ist, mein Aussehen stimmt mit meiner Gefühlswelt überein. Ich bekam unlängst ein Kompliment, dass jetzt alles stimmig sei. Das maskuline Verhalten passe zu meinem Körper. Schön zu hören so was.Die Hormone haben meinen Körper voll im Griff. Der Bart gedeiht und die Stimme ist richtig tief und bleibt auch tief. Am Telefon wird mir das bestätigt. Momentan fühle ich mich pudelwohl und bin mir sicher, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Und die Leute, die ein Problem mit mir haben, gehen mir sowieso aus dem Weg. Was hinter meinem Rücken abläuft, oder wenn gelästert wird, was soll?s, die sollen vielleicht mal zuerst vor der eigenen Türe saubermachen.
Kapitel 9 Chaos im Anmarsch
Nachdem sich die familiäre Situation zum Chaos entwickelt hatte, ging ich kurz entschlossen zum Anwalt und reichte die Scheidung ein.Außerdem suchte ich mir eine eigene Wohnung. Ich habe diese Dauernden Anfeindungen satt. Endlich möchte ich frei und ungezwungen leben. Ich fühle mich als Mann, ich bin ein Mann und will als Mann endlich leben, ohne immer an Vergangenes erinnert zu werden. Außerdem bin ich kein Monster, als solches wurde ich bezeichnet. Wir Betroffene sind ganz normale Menschen, die normal Leben wollen.Mit der Wohnung hatte ich großes Glück. Ich wollte in Roßtal bleiben und stellte mich an einem Samstag bei einer Vermieterin vor. Wir verstanden uns vom ersten Augenblick großartig. Und in der gleichen Stunde rief mich Frau. H. an und sagte mir die Wohnung zu. Zum 1. September 05 durfte ich in die Wohnung ziehen. R. unterstützte mich tatkräftig. Sogar Junior langte zu und innerhalb einer Woche war ich komplett umgezogen. Mein Gefühl sagte mir, die wollen mich los sein, aber das ist mir nur recht. Endlich frei und ungezwungen leben. Endlich das Gewesene hinter einen lassen. Der Kontakt zu den Kindern ist noch da. Aber alles andere ist abgeschlossen. Und dann gibt es Menschen, die nehmen keine Rücksicht und decken die Vergangenheit auf. Ich hatte halt nur an das Gute im Menschen geglaubt. Ich brauche mich nicht mehr zu offenbaren. Was geht anderen Leuten meine Vergangenheit an? Ich werde überall als Mann anerkannt. So hat meine Vermieterin, die mich immer mehr an meine liebe Großmutter erinnert, die viel Verständnis hatte und eine sehr liebevolle Frau war, erfahren, was mit mir los ist. Traurig. Aber wir haben das sehr familiär geklärt. Ich dachte, ich hätte das alles überstanden. Wie die Operation im Oktober 05. Die hab ich jedenfalls bestens überstanden. Die Brust ist flach und endlich kann ich mich im T-Shirt zeigen. Ein bisschen muss ich mich noch schonen aber das geht vorbei. Ich freue mich auf das nächste Jahr. Vor allen Dingen schon deshalb, weil sich zwischen einer Frau und mir etwas entwickelt, was ich nicht mehr für möglich gehalten habe. Tja, aber wenn man sich zu sehr auf Gefühle verlässt, wird man verlassen. Sie war zu sehr in ihre Sekte oder was immer es ist, integriert. Wir trennten uns ohne richtig zusammen zu sein. Irgendwann kommt die Richtige. Zu den Untersuchungen nach Erlangen fuhr ich jedes Quartal. Diese Untersuchungen sind wichtig, da Knochendichte und Blut immer kontrolliert werden. Alles in Ordnung. So verging fast ein Jahr. In der Zwischenzeit, im Frühling 06 machte ich den Versuch einer neuen Beziehung. Sie war 24 Jahre alt und noch sehr unreif. Das stellte ich allerdings erst im Nachhinein fest. Unser Zusammensein war anstrengend und ging ganz schön ins Geld. Da der Winter sehr lange dauerte, musste ich wegen ihr lange und ausgiebig heizen. Außerdem fraß mein Auto die Kilometer förmlich. Fahr dahin und komm hierhin. Ich sag ja, sehr anstrengend. Wir trennten uns nach einem Streit um das Kinderkriegen. Sie wollte unbedingt eins und warf mir vor, ich hätte ja schon zwei. Aber von wem wollte sie die bekommen? Von mir nicht. Zu einer Adoption hätte ich ja gesagt, aber von einem Wildfremden. Nein Danke. Ich machte ihr klar, dass ich meine Ruhe haben will und eine so genannte nach bezügliche Freundschaft nicht wollte. Von wegen, bis vor kurzem schickte sie mir immer noch Nachrichten aufs Handy.Im Juli 06 kam dann der große Augenblick. Ich nahm mit einem Arzt in München Kontakt auf und bekam einen OP Termin fürs Klit-Penoid. Eigentlich sollte ich nur vierzehn Tage im Krankenhaus sein, aber der Aufenthalt verlängerte sich um zwei Wochen. Es waren Blutungen aufgetaucht und sogar der Arzt gab zu, dass sie auch mal Fehler machen könnten. Leider war bei dieser Aussage Niemand dabei. Trotz Einspruchs des Arztes ging ich auf eigene Verantwortung nach Hause. Die ärztliche Versorgung ist da auch gut. Nach sieben Wochen fing ich das Arbeiten wieder an. Mit dem Sitzen auf weichen Stühlen gab?s immer noch Probleme. Das gibt sich mit der Zeit. Die Personenstandsänderung ist seit Juli 06 amtlich. Jetzt bin ich von Geburt an dem männlichen Geschlecht angehörig. Nun steht die nächste und allerletzte OP der Hodenimplantate an. Im November 06 ist es so weit. Gleiches Krankenhaus und gleicher Doktor in München. Die Selbsthilfegruppe in Nürnberg hat sich gemausert. Wir sind, wenn wir alle da sind, achtzehn Betroffene. Meine Tochter kommt fast regelmäßig mit. Sie hat irgendwie das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Mir gibt die Gruppe sehr viel. Ich kann helfen, beraten und zur Seite stehen, wenn es Schwierigkeiten gibt.

Kapitel 11 Ereignisse häufen sich
Wir schrieben das Jahr 2008 und es hat sich in der Zwischenzeit viel ereignet. Im November 2006 hatte ich die Operation zum Einsetzen der Hodenimplantate. Die OP als solches verlief gut. Nur, die menschliche Behandlung der Schwestern und Ärzte in Rechts der Isar ließ sehr zu wünschen übrig. Nach 10 Tagen Krankenhausaufenthalt fuhr ich mit dem ICE nach hause. Bis Mitte Dezember war ich krank geschrieben. Am 19. Dezember hatte ich eine Feier, bei der ich etwas länger sitzen musste. Als ich gegen 21 Uhr zu Hause war, traf mich fast der Schlag, als ich zur Toilette ging. Blut in der Unterhose! Es hatte sich ein Abszess geöffnet. Das wäre nicht so schlimm gewesen, aber durch das Loch in der Haut, sah ich das Implantat. Was tun? Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Notarzt zu rufen, denn am Sonntagabend hat kein Arzt offen. Der Notarzt kam und nahm mich gleich mit ins Fürther Klinikum Abteilung Urologie. Das rechte Hodenimplantat wurde in einem Noteingriff entfernt. Am Tag darauf ließ ich mich von einer Bekannten abholen und verbrachte den Rest des Jahres zu Hause. Erst im Januar 2007 fing die Arbeit wieder an. Jetzt stimmte die Statik beim Sitzen nicht mehr und eine Fistel hatte sich auch gebildet. So konnte ich zweistrahlig Pinkeln also wieder nicht im Stehen. Die Selbsthilfegruppe hat einen neuen Raum bezogen, der bald aus allen Nähten platzt. Es kommen immer so um die 15 Betroffenen. Das ist sehr beruhigend. So soll es sein.Von einigen Leuten erfuhr ich, dass es in München einen guten Operateur gäbe, der Korrekturoperationen mache. Mittlerweile hatten wir 2007. Das Leben als solches lief in geregelten Bahnen. Für den 13. Juni machte ich in München einen Termin für die OP aus. Der Arzt machte einen kompetenten Eindruck. Bei der OP stellte sich raus, dass in Rechts der Isar sehr gepfuscht worden war. Die Scheide war nicht entfernt, sondern bis auf ein kleines Loch zugenäht worden. Es wurde eine etwas umfangreichere OP als vermutet. Gleichzeitig bekam ich ein etwas größeres Hodenimplantat, als das Linke. Nach 14 Tagen war der Krankenhausaufenthalt vorbei. Allerdings war ich bis 1. September 2007 zu Hause. Das Sitzen musste ich erst wieder lernen, da ich vorwiegend auf dem Steißbein saß. Gegen das Krankenhaus Rechts der Isar und den Arzt der mich operiert hat, habe ich mit einer anderen Kranken im November 07 Klage eingereicht. So geht?s wirklich nicht. Erst mal die unmenschliche Behandlung, als wäre man ein Mensch dritter Klasse und dann der Pfusch, der gemacht wurde.
So steht noch mindestens eine OP an. Die lasse ich aber erst später machen. In der Zwischenzeit kümmere ich mich um die Betroffenen der Gruppe und hoffe, dass ich helfen kann. Einen Behindertenausweis habe ich 2007 auch beantragt. Der wurde allerdings vom Gericht 2008 abgelehnt, weil TS nicht ausreicht einen höheren GdB zu bekommen. Der Rechtsvertreter des VdK hat mir geraten, fleißig zu den Ärzten zu gehen und meine wirklich schmerzhaften Erkrankungen wie Arthrose in den Daumen, meine HWS und meinen Mitralklappenprolabs (Herz, Geburtsfehler) im nächsten halben Jahr behandeln zu lassen. Dann versuche ich es nochmal mit einem Behindertenausweis. Zu allem Überfluss kam ein Umzug dazwischen. Meine Vermieterin, auf die ich so gute Stücke hielt, entpuppte sich als Furie. Sie und ihr Lebensgefährte zwangen mich mit allen Mitteln zum Wohnungswechsel. Sogar die Polizei musste zweimal eingreifen. Im August 2007 fand und bezog ich im gleichen Ort eine schöne Dachwohnung. Ich habe diese nach meinen Belangen eingerichtet. Mein kleiner gefiederter Freund hält mir immer noch die Treue. Er ist mittlerweile 12 Jahre alt. Im November 2007 kamen in die SHG Betroffene aus der Erlanger SHG zu uns. Eine sehr attraktive Frau und ein noch sehr junger Mann. Beide sind sehr nett und wollen regelmäßig kommen. Meine Freizeitaktivitäten habe ich sogar wieder aufs Tanzen ausgedehnt. Das erste Mal merkte ich, wie mir das die vergangene Zeit gefehlt hatte. So ging ich im Januar mit einem guten Kumpel in ein bekanntes Tanzcafé und lernte da eine Frau kennen, die sehr die Initiative ergriff und mich gleich um die Telefonnummer bat und mich zum Kaffee einlud. Es entwickelte sich sehr schnell eine Beziehung. Das gefiel mir gar nicht so gut. In der Zwischenzeit war im Februar 08 ein Fernsehteam bei mir und bat mich um Aufnahmen und ein Interview. Die Sendung wurde am 24. 2. 08 spät abends ausgestrahlt. Danach bat mich die Frau um Bedenkzeit. So ging ich im März dann ins Krankenhaus. Ohne nochmals von ihr zu hören. Nach der OP bekam ich eine sehr kurze sms, ob alles gut gegangen sei. Von da an hörte ich nie wieder was von ihr. Ist auch besser so, da es wahrscheinlich nur Neugier war, wie es mit einem Transmann so ist. Ebenfalls im Januar 2008 habe ich mit der chirurgischen Klinik in München Kontakt aufgenommen und einen Termin zur weiteren Korrektur vereinbart. Diesmal schon für 13. März. Die Anreise am 12. 03. 08 mit dem Zug war kein Problem. Die sehr attraktive Frau aus der Gruppe hatte mir angeboten, mich vom Krankenhaus abzuholen. Wow, und sie rief fast täglich an. Wir hatten vorher schon lange Telefongespräche, weil es auf ihrem TSWeg viele Schwierigkeiten gab. Nun hats mich voll erwischt. Schmetterlinge im Bauch und feuchte Hände sind an der Tagesordnung. *grinsBei der OP wurde ein neues größeres Hodenimplantat links gesetzt und der rechte Hoden nach vorne geholt. Restliche Schleimhaut wurde auch entfernt. Die war bei der letzten OP übersehen worden. Aber das kann passieren. Der Operateur hat sich rührend gekümmert und die Schwestern sind alle nett und hilfsbereit. Nun besitze ich ein paar kleine Ersatzeier im sterilen Behälter.
Das Sitzen fällt immer noch ein bisschen schwer. Arbeiten geht gut. Da kann ich zwischendurch mal aufstehen. Ich hoffe, dass keine weitere OP mehr folgt. Obwohl das Pinkeln im Stehen nur mit weit geöffneter Hose möglich ist. So ist alles in Ordnung. Meine Arztbesuche beim Endo und beim Hausarzt mache ich regelmäßig.
Wie es weitergeht werde ich sehen. Ich lasse die Zukunft auf mich zukommen. Beeinflussen kann man es eh nicht. Wichtig ist, dass sich in der Gruppe Freundschaften entwickeln der Zusammenhalt groß ist und Zusammenarbeit geleistet wird.

Paul
Welche Charakterzüge kennzeichnen diesen Menschen? offen, humorvoll, hilft
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